Die Historie

OHLENDORFF’SCHE VILLA
Das heutige Gebäude wurde 1928/29 von dem Architekten Erich Elingius (1879 – 1948) für Hans v. Ohlendorff (1880 – 1967) gebaut.

1928 waren kurz nacheinander die Eltern von Hans v. Ohlendorff gestorben. Das Gut Volksdorf fiel an den jüngsten Sohn Hans des Freiherrn Heinrich v. Ohlendorff (1836 – 1928) und seiner Frau Elisabeth geb. Martens (1838 – 1928).

Hans v. Ohlendorff ließ nach dem im Juli 1928 erfolgten Tod seines Vaters das vorher an gleicher Stelle stehende Gutshaus bereits im September desselben Jahres abreißen, um dieses neue Haus errichten zu können.

Das alte Gutshaus war 1878 von dem Rathaus-Architekten und Bürgermeistersohn Martin Haller (1835 – 1925) für den sehr erfolgreichen, durch Guano-Handel reich gewordenen Kaufmann Heinrich v. Ohlendorff ursprünglich als Jagd- und Sommerhaus errichtet worden. Nach planmäßigem Zukauf von Ländereien und Ausbau einer Gutswirtschaft wurde bis 1885 auch das Jagdhaus zum Gutshaus umgebaut und der Park angelegt, der über die erst 1937 angelegte Eulenkrugstraße hinaus reichte und etwa doppelt so groß war wie heute. Es war ein sehr stattliches Gebäude im „Schweizer Stil“, was durch die Hanglage zum tiefer gelegenen Park noch unterstrichen wurde.

Neben dem alten Gebäude stand rechts (heute der Flachbau mit u. a. dem Reisebüro) noch länger ein Gästehaus im gleichen Stil, das auch Hans noch nutzte, links (wo heute Wohngebäude entstehen) war der Gutshof mit seinen Kuhställen und Scheunen. Das Katzenkopf-Pflaster auf dem dortigen Parkplatz war noch ein Überbleibsel.

Auch die Auffahrt von der Straße Im Alten Dorfe stammt noch von der alten Anlage. Darüber hinaus ist allerdings kaum etwas nachgeblieben aus dieser Zeit, sieht man von den Schmucksteinresten und dem Hundegrab für „Senta“ direkt am Haus (am Weg links am Haus hinunter zum Park) einmal ab. Auch rechts neben der Villa hat sich hinter den Gebüschen noch eine Stützmauer aus Feldsteinen erhalten.

BAUSTIL
Die Villa ist in ihrer herrschaftlichen Ausrichtung ein Sonderfall für die Zeit der Entstehung in Volksdorf. Der Bauherr – Hans v. Ohlendorff – war doch offenbar konservativer als es scheinen mochte. Der Abriss der eklektizistischen Villa seines Vaters entsprach ganz dem Zeitgeist – man mochte diese an vergangenen Zeiten orientierten Stile des ausgehenden Jahrhunderts nicht mehr. Den Neubau übertrug er aber gleichwohl mit Elingius einem Architekten, der nicht gerade für das Neue Bauen (Bauhaus-Stil) bekannt geworden war.
Erich Elingius, seit 1908 Teilhaber im Büro Frejtag & Wurzbach, das sich nach dem Tode von Wurzbach 1910 umbenannte in Elingius & Frejtag, dann 1924 nach Aufnahme von Gottfried Schramm 1924 in Elingis & Schramm, dieser Elingius hatte bereits viel für recht betuchte Herren auch recht konservativ gebaut. Es konnte also nicht verwundern, dass das neue Haus zwar neu, aber nicht im Zeitgeist modern genannt werden konnte.

Die exponierte Lage inmitten des Dorfes, seine herrschaftliche Auffahrt mit dem in der Mittelachse der Nordfassade plastisch herausgestellten Eingangsportal und dem darüber angeordneten „Erscheinungsbalkon“, dem Altan, betonen den herrschaftlichen Anspruch, das Selbstverständnis und die Bedeutung der Familie Ohlendorff. Dagegen strahlt die Gartenseite des zweigeschossigen Putzbaus durch einen asymmetrisch, breitgelagerten Wintergartenvorbau eher bürgerliche Behaglichkeit aus, wobei der durch das abfallende Gelände gebildete hohe Sockel des Kellergeschosses eine echte Beziehung der Wohnräume zum Park nicht entstehen lässt. Die hatte das alte Gutshaus aber auch nicht! Auch die große Terrasse im Obergeschoss gleicht eher einer abgehobenen Tribüne denn einer dem Freiraum des Parks zugeordneten Fläche. Wer aus dem Haus in den Park will, muss außen herum gehen!

Schmuckelemente sind sparsam eingesetzt. Einfache, scharrierte Werkstein-Umrahmungen (Werkstein nennt man steinmetzmäßig behandelten Betonstein) heben sowohl die zu Dreiergruppen zusammengefaßten Rundbogenfenster wie auch die einfachen Rechtecköffnungen hervor. Balkone und „französische“ Fenster (bis zum Fußboden heruntergezogenen Fenster) haben gusseiserne Ziergitter. Das umlaufende, stark überkragende hölzerne Gesims wird durch einen Zahnschnittfries (nicht streng klassisch, sondern mit einem Rundbogen!) begrenzt. Dieser findet sich auch an den symmetrisch angeordneten Schornsteinköpfen, die der Architekt so in die Architektur des Hauses mit einbezieht. Der Außenanstrich war ursprünglich weiß, nicht rosa.

Alle diese Elemente binden diesen Bau stark in die Tradition des Neo-Klassizismus im Reformstil der Vorkriegszeit (1904 – 14) ein, der parallel zu den herrschenden Stilrichtungen auch in den zwanziger Jahren fortlebte. Das entsprach wohl auch der Intention des Bauherrn.

KOMPROMISSE
Der Architekt stand vor einer schwierigen Aufgabe: Einerseits musste er die verschiedenen Funktionen eines „Einfamilienhauses“ – denn das war es zweifellos, wenngleich auch auf recht auskömmlicher Fläche – unterbringen, und andererseits dem starken Repräsentationsbedürfnis des Bauherrn entsprechen. So ist die repräsentative Symmetrie der Eingangsfassade wegen der unterschiedlichen Funktionen rechts und links vom betont vorstehenden Portal nicht ganz korrekt geraten, was für den Laien kaum wahrnehmbar ist – rechts vom Eingang ist weniger Wandfläche als links.

DIE INNENRÄUME
Der Besucher erlebt durch den Wechsel vom ovalen Windfang über die Treppenhalle in das Empfangszimmer eine gekonnt inszenierte Raumabfolge. Sie wird gesteigert durch den Ausblick durch die verglasten Türen über den Wintergarten in den Park.

Quer zum Blick des Eintretenden liegt die durch die „Enfilade“ der zweiflügeligen Türen gebildete Achse von der Bibliothek, die auch als repräsentaives Musikzimmer diente, über das Empfangszimmer zum Speisezimmer.

Hinten links vom Speisezimmer war noch die Anrichte, von der aus ein Speisenaufzug von der im Keller gelegenen Küche alle Geschosse erschloß.

Die vom Eingang durch den ovalen Windfang erreichte Treppenhalle hat einen leicht quergestreckten Grundriß. Der Fußboden besteht aus Solnhofener Platten, einem schiefrigen Sandstein, der in den 1920er Jahren viel verwendet wurde.
Das Empfangszimmer hat durch die Abschrägung der Ecken eine fast barocke Anmutungen. Der Fußboden besteht, wie ursprünglich in allen Räumen des Erdgeschosses, als Parkett.
Quer zur Blickachse vom Eingang durch verglaste Türen zum Park liegt die „Enfilade“, die durch zwei zweiflügelige Türen gebildete Achse von der Bibliothek über das Empfangszimmer zum Speisezimmer.
Der unverändert guten Akustik zuliebe ist die Bibliothek bzw. das Musikzimmer höher als die sonst ja auch nicht niedrigen anderen Räume. Hier steht, wie auch im Empfangszimmer, ein Kamin. Das Speisezimmer schließlich erhält durch die halbrunde Apsis einen fast sakralen Charakter.

(Die rechteckigen Beschädigungen an Wänden und Holzteilen sind „Fenster“, mit denen Restauratoren des Denkmalschutzamtes die unteren Farbschichten sichtbar machen wollen.)

DIE PRIVATGEMÄCHER
Auch der Treppenaufgang in die private Etage mit dem großen Schlafraum (mit Ankleidezimmer und – zugänglich über die heute zugemauerte Tür – eigenem Bad) sowie dem ebenfalls achteckigen Frühstücksraum entspricht offenbar dem Lebensstil des reichen Erben. Ein schmaler Flur für die „Bedienung“ ermöglicht die Verbindung zur kleinen Anrichte mit dem Speisenaufzug. Von dort ist auch die Wohnung des „Kastellan“ über eine schmale Treppe ins Dachgeschoß zu erreichen. Unter der Treppe sind eingebaute Schrankelemente.

Um zwei Stufen erhöht – wegen des höheren Musikzimmers darunter – ist der Gästetrakt mit zwei Fremdenzimmern und einem Bad dazwischen. Zur Zeit des Ortsamtes im Gebäude hatte zur Parkseite hin der Ortsamtsleiter sein Büro, so auch die letzte Ortsamtsleiterin Frau Sterra. Das Fenster war ursprünglich nicht ganz zum Herausgehen heruntergezogen. Zu beachten sind auch die Einbauten im kleinen Verteilerflur mit Ausguss und Putzraum.

Verlässt man das Haus wieder, fällt noch ein Spruch auf: „Habe immer etwas Gutes im Sinn“ steht von innen an der Haustür geschrieben.

ZUM ARCHITEKTEN
Stellt man dieses Bauwerk in den Kontext des Gesamtwerks des Architekten Erich Elingius, der die Spezies „Herrenhausarchitektur“ noch in dieser nachkaiserlich-demokratischen Zeit zu einer späten Blüte geführt hat, mit Bauten für Wilhelm Gratenau (Bredenbeker Teich, ab 1924), Major Jenisch in Neverstaven (1921) und mit zahlreichen herrenhausähnlichen Villen, wird bald die eigenständige Handschrift dieses „Spätklassikers“ deutlich. Sie ist fest in der Tradition verhaftet. Der Architekt ist dennoch bemüht, nicht eklektizistisch nachzuahmen, sondern eine Symbiose einzugehen von gemäßigten neuen Architekturformen mit den traditionellen Bedürfnissen nach Repräsentation im herkömmlichen Sinne. Nach dem zweiten Weltkrieg führte er in diesem Sinne für die Fürstenfamilie Bismarck den Wiederaufbau des Schlosses Friedrichsruh durch.

DIE BÜSTE
Zum Inventar des Ortsamtes gehörte auch eine Bronze-Büste des Vaters von Hans, Freiherr Heinrich von Ohlendorff (1836 – 1928), ein Geschenk der Mieter des von ihm erbauten Dovenhofes (1885/86, ebenfalls von Architekt Martin Haller, heute steht dort das Spiegel-Hochhaus) zum 40-jährigen Bestehen des Kontorhaus und zum 90. Geburtstag des Bauherrn. Sie stand ursprünglich dort bis zum Abriss des Gebäudes 1967. Der Künstler war Hugo (Eduard August) Klugt (1879 – 1939) ein Logenbruder von Hans v. Ohlendorff.

Klugt hatte 1910 bereits eine Plastik am Uppenhoff in Volksdorf geschaffen, die heute verschwunden ist. 1925 schuf Klugt, sicher durch Vermittlung der Ohlendorffs, das Kriegerdenkmal für Volksdorf auf einer Lichtung im heute zugewachsenen Wald vor der Gaststätte „Waldhaus“ schuf. Das wurde nach Beschädigungen im Krieg 1982 abgerissen.

Gerhard Hirschfeld
August 2009/aktual. Dezember 2013